Eine soziologische Studie aus den Dreißigern, der Originalschauplatz und ein ehrgeiziges Theatervorhaben: „Guter Morgen Marienthal“ fragt nach der Bedeutung von Arbeit heute. Spielort ist das Chemiewerk des Betriebes Evonik Para-Chemie in Gramatneusiedl bei Wien, das heute Plexiglas herstellt und wo sich seit 1870 Industrie befindet. Als dort 1930 die letzten der 1300 Arbeiter aus dem stillgelegten Textilwerk entlassen werden, kommt ein Projektteam aus Wissenschaftlern, geschickt von der „Österreichischen Wirtschaftpsychologischen Forschungsstelle“, nach Marienthal (Ortsteil von Gramatneusiedl), um die Langzeitfolgen von Arbeitslosigkeit zu untersuchen. Auf Basis dieses Klassikers aller soziologischen Studien erfindet die Regisseurin Fanny Brunner zusammen mit dem Dramaturgen Hans-Jürgen Hauptmann ein Stück rund um das Thema Arbeit.
Es werden in der Studie beschriebene Familien gezeigt, die jeweils eines der vier Stadien der Arbeitslosigkeit verkörpern: hoffnungsvoll, resigniert, verzweifelt und apathisch-verwahrlost. Der damaligen Arbeitswelt wird die heutige gegenübergestellt. Es kommen Jugendliche zu Wort, ohne Job, in erster Generation Österreicher und am Sozialstaat nicht interessiert: „Für zweihundert Euro geht kein Schwein arbeiten! Da mache ich krank und verkaufe Drogen. Ganz ehrlich.“ Oder zwei Rumänen mit bulgarischem Pass, der ihnen Schwierigkeiten an den Grenzen erspart und die ihren Business Arbeiter- und Frauenvermietung europaweit betreiben. Die sämtliche Tricks kennen, mit denen sie ihre Ware, also die Arbeiter und Frauen, über die Grenzen schmuggeln können, darunter auch die todsichere „Hochzeits-Nummer“. Europäisches Chaos und sozialistischer Arbeitermythos, schön zusammengebracht auch in dem Logo der Veranstaltung: eine Computermaus mit Hammer.
Dazwischen werden aktuelle Texte von Sozialwissenschaftlern und Wirtschaftswissenschaftlern vorgetragen, die teils alternative Lösungsvorschläge postulieren, teils den Markt entlarven. Das Ergebnis der alten Studie wird spürbar, die zu dem Schluß kommt, das Arbeitslosigkeit nicht etwa Revolutionäre macht, sondern apathische und verwahrloste Menschen zur Folge hat.
Die Inszenierung möchte irritieren und „sanft verstören“, indem Längen gnadenlos ausgespielt, Monologe bis ins Unerträgliche gezogen und die (theater-) eigenen künstlerischen Mittel bereits in der Anwendung ironisiert werden. Das kann für ein Publikum, das Theater nicht gewohnt ist, anstrengend sein und teilweise sogar laienhaft wirken, für den Theatersnob, der bereit ist sich einzulassen, durchaus zur versprochenen „lustvollen Reflexion“ führen.
Gesehen | Premiere von „Guter Morgen Marienthal“ am 01.07.2011 in Evonik Para-Chemie, Gramatneusiedl
Mehr | Studie und Hintergründe hier. Theaterverein dreizehnterjanuar da.
Die sorgfältige Quellenauswahl schlägt sich auch in der Auswahl der Diskutanten zu anschließenden Gesprächen nieder, darunter Manfred Füllsack und Hannes Farnleitner. Als weitere Quellen werden André Gorz sowie diverse Interviews und Artikel aus Onlinequellen genannt.
05. Juli 2011, 20:44
Kommentar
Wie eine Wildsau ist Jonathan Meese, einmal angelaufen, kaum mehr zu bremsen. Er läuft durch seine Performance, deren Textbausteine er je nach Thema und Gespräch am Nachmittag variiert – kam der Physiker Thomas Seebeck zur Sprache, dreht er sich Abends eine halbe Stunde wie eine Schraube im Kreis (Polarisation). Ist das Thema Moby Dick, ist der Mensch das Tier. Die Ameise, die schweigt und gehorcht. Das Tier Moby Dick ist der Diktator, der der Kunst gehorcht. Es lebe die Diktatur der Kunst!
„KAPITANOZ AHABBABY IST TOTALSTCHEF “KUNST“: marschiert, marschiert, marschiert, versachlicht nur für die Kunst: Kapitanoz Ahabbaby ist “uneingeschränkt Chef der Sache“ […] Es gibt nur die Pflicht des Dienstes “Kunst“, schmeißt Euer “Furz-Ich“ radikalst über Bord, scheißt Euer “Kack-Ich“ ´raus, tut niemals das was ihr wollt, das ist zu limitiert, […] Verlaßt endlich dieses miese Arbeitslager “ICH“ und geht auf in dem Ultradienst “Diktatur der Kunst“. […] KAPITANOZ AHAB BRÜLLT: ALLE MICKRIGEN SELBSTVERWIRKLICHER: DECK SCHRUBBEN! […] Neutralextremeese blubberts Euch: Hosn ´runter: Adrenalinschlüpfer an. MAUL AUF, LOLLY ´REIN, REVOLUTION ´RAUS. […] ERZCHEF AHAB BRINGT ALLES AUF KURS, AHAB DIENT DEN TOTALSTGEHORSAM “KUNST“, MOBY DICK, als SPEICHELEI der KUNST, also als PARFUM D´ERZ, WEIST DEN WEG. “Zukunft“, nur die Totalstantiideologie “Diktatur der Kunst“ ist Zukunft. Meese 2011“
Gesehen | Meese bei: Moby Dick Revisited #1. Eine Soiree und Grundlagenforschung in 135 Kapiteln zum 160. Geburtstag des Romans von Herman Melville. Kapitän Ahab: „Für mich ist dieser weiße Wal die Mauer, dicht vor mich hingestellt. Dahinter, denke ich manchmal, ist nichts mehr. Gleichviel, genug damit.“ Im Bu[r]gspriet am 17.06.2011
Mehr | Konsens-Verkrümmung: Meese, der Schwanz. Alter Jonathan, ich bin ein Fan! „Meine Sexuallockstoffe sind ritterlich und tapfer.“ JM
Noch Mehr | "Wozu soll ich über das reden, was längst ausgeweidet ist… ich will über eine Utopie sprechen, aber niemand will mit mir darüber reden. Was soll ich machen." JM
"In der Antirealität, da sollen wir uns schlecht benehmen!" JM
"Der Blick der Kunst auf uns ist viel wichtiger, als unser Blick zu ihr." JM
05. Juli 2011, 20:34
Dass Rohöl dreckig ist und stinkt, lernen Kinder im Chemieunterricht. Dass man sich mit Benzin die Hände sauber machen kann, das aber nicht sollte, auch. Stefan Kaegi von Rimini Protokoll läßt fünf Experten des Alltags aus ihrem Leben und über das schwarze Gold erzählen.
1- Ein deutscher Ingenieur mit fünf Kindern von vier Frauen, der jahrelang in Kasachstan entgegen der russischen, aber mit eigener, deutscher Technik erfolgreich nach Erdöl bohrte. Der viel Geld dabei verdiente und sich mit Ölkartellen, Gebietsgrenzen und politischen Machtverhältnissen dort bestens auskennt.
2- Ein alter Mann, der jahrzehntelang einen stets explosionsgefährdeten Öllaster fuhr, sich dabei mit Singen wachhielt und sich, sobald das Geld für das Einwegticket gespart war, mit Kind und Kegel nach Deutschland aufmachte. Wo sie zwar aufgrund der deutschen Vorfahren eingebürgert, aber ihre Ausbildungen nicht anerkannt wurden, so dass er und seine Frau nun im Berliner Plattenbau wohnen; er arbeitslos, sie putzt.
3- Eine junge Frau, deren Vorfahren vor zweihundert Jahren mal aus dem deutschen Raum nach Kasachstan kamen; die sich bis auf das gemeinsame Tanzen an ihre Kindheit im kasachischen Dorf kaum erinnert, aber gerade als Tabledancerin auf einem Kreuzfahrtschiff jobbt.
4- Eine ehemals vorbildliche Leiterin der sowjetischen Jugend, die unbedingt Astronautin werden wollte, wegen des Schlamms immer Gummistiefel trug und nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als Stewardess an einem Berliner Flughafen, am Schalter einer russischen Airline, anfing. Seit einem Jahr ist sie arbeitslos, da sich die Fluggesellschaft kaum noch den Treibstoff leisten kann.
5- Ein erfolgreicher Trader, dessen Eltern nach Berlin auswanderten, wo er geboren wurde, dessen Großvater ein mehrfach ausgezeichneter General ist und der nach seinem VWL-Studium online mit Barrels zockt, um an das große Geld zu kommen. Müsste klappen, denn das glücksbringende kasachische Staatsheiligtum, den Handabdruck des Präsidenten in Gold, hat er schon besucht.
Der Abend erzählt von Migration und vom Geld, von Petrodollars und der Ungerechtigkeit der Welt. An der Bühnenrückwand laufen beständig Filmmitschnitte von Besuchen an den Orten der Erzählungen. Die Filmbilder mögen authentisch sein, transportieren aber zu wenig, um den Laiendarstellern einen guten Nährboden liefern zu können. Es ist kein Theater, das zu sehen ist, sondern eine Dokumentation ohne doppelten Boden; nirgendwo Kunst. Dafür viel Authentizität, abstrakte Geldwerte werden hinuntergebrochen auf persönliche Geschichten. Leider allzu verflacht, verharmlost. Man freut sich gemeinsam darüber, nicht in der kasachischen Pampas zu hocken und lacht über die putzigen Alten und die originellen Jungen. Was hängen bleibt ist eine Ahnung vom schmutzigen Handel mit dem schwarzen Gold und die Erinnerung, dass Migration kein Pänomen der Neuzeit ist, sondern immer schon vollzogen wurde.
Gesehen | Vorstellung am 16. Juni 2011 im MQ, Halle G. Regie: Stefan Kaegi. Mit: Gerd Baumann, Nurlan Dussali, Elena Panibratowa, Helene Simkin, Heinrich Wiebe
Mehr | Stefan Kaegi hat dieses Jahr die Biennale-Auszeichung „Silberner Löwe“ für „eine Erneuerung der Szenischen Künste“ bekommen, der Löwe ging auch nach „Berlin, das zu den vitalsten Theaterhauptstädten der Welt“ gehöre. Nachträglich forderte Kaegi den Löwen für das Kollektiv Rimini Protokoll ein, allerdings erst nachdem die Feuilletons die Idee hatten.
05. Juli 2011, 20:25
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